Sonntag, 25. Juni 2017

Sommerausstellung – Vorschau













Barbara Baumeister – und dann, meine Seele ...











Blick in die Ausstellung






Die Meerbuscher Künstlerin Barbara Baumeister war mit Textbildern in der Reihe "Kunst in der Apsis" zu Gast.

..."und dann, meine Seele, sei weit, sei weit" – das war der Titel der vorigen Ausstellung in der Reihe "Kunst in der Apsis". Gleichzeitig ist es der Titel des zentralen Gemäldes jener Ausstellung, und vor allem ist es dies: eine häufig zitierte Zeile eines Gedichts von Rainer Maria Rilke. "Geliebtes und Er-Lesenes in Textbildern", so lautete der Untertitel der Schau, die sich mit großen Formaten im Kirchenraum und mit kleineren nebenan im Gemeindesaal ausbreitete. Die Vernissage war bestens besucht, und der Ratinger Pfarrer Michael Füsgen erwies sich in seinem frei gehaltenen Einführungsvortrag als souveräner Kenner der Bilder, um die es ging: das künstlerische Werk der Meerbuscherin Barbara Baumeister.
Ausgestellt waren Bilder, in denen Malerei und Schrift zusammenwirken. Die Textfragmente stammen nicht nur von Rilke, sondern auch zum Beispiel aus dem Thomas-Evangelium. In jedem Fall eröffnen solche Texte den Zugang zu den Bildern. Die roten Gemälde nahmen unverkennbar Bezug auf Pfingsten, die liturgische Farbe dieses Fests und die Farbe der Feuerzungen, die den Heiligen Geist verkörpern.
Barbara Baumeister stellte bereits zum zweiten Mal innerhalb der "Kunst in der Apsis" aus. Vor zwei Jahren beteiligte sie sich an der Ausstellung "Bibel und Bilder". Sie war früher als Diplom-Sozialpädagogin tätig, beschäftigte sich dann intensiv mit Kunst, unter anderem an der Akademie für Bildende Kunst in Trier, und tritt seit 1994 in Einzel- und Gruppenausstellungen hervor.



Artikel über die Ausstellung in der Rheinischen Post



























Montag, 24. April 2017

Günter Thomas: Zerbrechliche Könige







Zerbrechliche Könige


Im Zentrum der Ausstellung steht ein Ensemble an Skulpturen mit einem Materialmix aus Holz (Kirschbaum, Pflaume und Eibe) und Metall 
(Höhe zwischen 1,80 und 4,50 m). Sie spielen auf mehreren Ebenen mit einer grundlegenden Spannung: Mit der Vorstellung des Königs verbinden sich gemeinhin Ideen von Macht, Herrschaft und Schönheit. Dagegen sind die Skulpturen eher gewunden und zeigen die Spuren ihrer Bearbeitung. Auf den ersten Blick wirken sie zerbrechlich und verletzlich, ja beschädigt. Auf den zweiten Blick zeigen sie aber in ihrer vermeintlich rohen Materialität eine kraftvolle Spannung und eine ganz eigenwillige Präsenz. Das Holz zeigt in der Zerbrechlichkeit eine eigene Schönheit. Speziell bei den zwei kleineren Stelen in der Apsis wird ein Spiel zwischen der Beugung und Biegung als Zerbrechlichkeit und zugleich als Leichtigkeit der Bewegung sichtbar. Tanzen die beiden kleineren Figuren?
Die verschiedenen Stelen spielen diese Spannung verschieden durch. Während eine Stele mit Rädern auf einen Streitwagen anspielt – aber den König ohne Pferd ‚stehen läßt‘, bietet eine andere einen innerlich ausgezehrten, ‚verrotteten‘ Korpus, der doch zugleich schon wieder grazil anmutet. Eine Wandinstallation eines Königspaares spielt mit Zerfall in Gestalt von Rost und gleichzeitiger Schwere und Würde. Die Stelen in der Apsis variieren die Spannung, indem mit Sägespänen und Holzabschnitten das ‚Gemachtsein‘ des Objektes vergegenwärtigt wird.

Eine Bemerkung zu den Köpfen der Stelen in der Apsis: Es sind ganz einfach Rührköpfe einer alten Bäckerei. Sie zitieren auf ihre Weise die Ballettfiguren Oskar Schlemmers. Aber speziell der Kopf der hohen Figur könnte auch eine Welt sein, ein Globus. Oder ist es ein Zeichen von Zerbrechlichkeit als Transparenz?






Ein durchgehendes Motiv ist die verfremdende Verwendung des königlichen Motivs des Goldes. Dabei kommt den goldenen Rettungsdecken im Kirchenraum eine besondere Aufgabe zu: Sie öffnen den Raum der Kunst hinein in den Raum der Gemeinde – bis hinaus zur Garderobe am Eingang. Das Gold, die Würde und die „Rettung“ der Rettungsdecke bewegt sich hin zur Gemeinde – als Angebot, den goldenen Umhang einfach von dem Kleiderbügel zu nehmen und mitzunehmen.

Ist dies religiöse Kunst? Die erste Antwort ist: Nein. Die Spannung aus königlicher Macht und Zerbrechlichkeit gehört zu den Grundthemen des Menschseins. Die zweite Antwort ist: Ja, die Arbeiten werden durch den zeitlichen Zusammenhang mit der Passionszeit und Ostern und in dem besonderen Ort in einer Kirche Variationen zu der Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Gottessohnes, der der menschliche Jesus aus Nazareth bleibt. Natürlich wird mit den drei Figuren die Kreuzesszene zitiert, mit der Anordnung der Figuren in der Apsis auch zugleich wieder dementiert. Wichtig ist mir, dass die Figuren alle eine eigene Art von Präsenz und Würde haben, in ihrer Zerbrechlichkeit auch kraftvoll sind. Mit den goldenen ‚Mänteln‘ kommt die Rettung und Würdigung unzweideutig zu den Menschen – nicht als Zwang, sondern als Angebot. Könnte das Gold der Rettungsdecken ein erster Hinweis auf die Auferstehung sein?

Konzeptionell bieten die Arbeiten eine Weiterentwicklung der Tradition der objet trouvé. Allerdings gehen die ‚Fundstücke‘ in weitergehende Arrangements ein, die sowohl Abstraktionen vornehmen als auch eigenwillige Materialisierungen. Die Sägeabschnitte erinnern an den Verarbeitungsprozess – und verbinden so a) die reale  Verarbeitung, b) das Entstehen der Zerbrechlichkeit und c) für den Zuschauer auch das Werden in der Zeit (wir werden durch unsere Geschichte).

Mit Blick auf die Interaktion mit den Besuchern und Zuschauern gehen die Arbeiten auf einen eigenen Weg. Gegenläufig zu künstlerischen Arbeiten, die die Betrachter entweder mehr oder weniger verstört oder ‚verzweifelt‘ nach einer Bedeutung suchen lassen oder die umgekehrt einfach spontan als ‚schön‘ genossen werden können, bieten die Objekte in ihrer Materialität eine erste Zugänglichkeit. Die erste Gewissheit („Ich weiß, was ich sehe“) weicht dann aber zunehmend einer Irritation, Ungewissheit und Offenheit.








Im Nebenraum werden Holzdrucke ausgestellt. Ihre Besonderheit besteht darin, dass (mit verschiedenen Sägen) bearbeitete Holzblöcke als Druckstock dienen. Das Objekt besteht dann aus zwei Teilen – einem Druckstock und einem einzigen Druck, die miteinander im Gespräch sind. Dabei ist es der flache und ‚leichte‘ Druck, der einen imaginierten Raum eröffnet, während der massive Holzblock einerseits mit seiner Materialität und eigenen Räumlichkeit wirkt und doch zugleich ‚verletzt‘ und ‚beschädigt‘ ist. Es ist aber just diese Verletzlichkeit und Beschädigung, die den Druck ermöglicht und eine eigene eigenwillige Kreativität freisetzt.

Aber am Ende, am Ausgang, dann doch das Gold, wenngleich leicht und dünn, aber dennoch glänzend – und im echten Notfall, rettend.




Prof. Dr. Dr. Günter Thomas /Stuttgart


Fotos: Andreas Blauth













Freitag, 14. April 2017

Karfreitagspredigt






Zerbrechliche Könige – Installation von Günther Thomas





Liebe Gemeinde,


aus dem Holz der Krippe ist das Holz des Kreuzes geworden. Auf Holz, auf dem Jesus damals lag, hängt er jetzt.

In unserer Apsis ist auch Holz zu sehen. Zwar keine Kreuze, aber drei Plastiken, die unschwer an das Geschehen auf Golgatha erinnern. Drei Baumstämme, von denen jedwede Rinde entfernt wurde, aus denen – für uns nicht sichtbar – alles Morsche mit einem Hochdruckreiniger herausgepresst wurde. Nichts, nichts Lebendiges ist an diesem Holz noch vorhanden, auch kein Käfer oder Wurm. Nur Totholz ist zu sehen. Deutlicher kann man nicht ausdrücken, dass hier Leben abrupt endete.

Wir sehen in der Apsis keinen Christus am Kreuz. Aber die drei Gestalten tragen Rührbesen als Kronen. Wird hier die Verspottung Jesu aufgegriffen – INRI, Jesus Nazarenus Rex Judaeorum, Jesus König der Juden? Oder wird hier eine feinsinnige Kritik geübt an den Versuchen der Kirche, den leidenden und ohnmächtigen Heiland immer wieder als gekrönten Weltenherrscher mit Krone, Reichsapfel und Richtschwert darzustellen? Weil sie, die Kirche, sich immer wieder stärker mit den Herrschenden verbündete denn solidarisch zu sein mit den Machtlosen?

Macht- und Einflusslosigkeit sind ja auch schwer auszuhalten. Und es sind nur wenige, die wie Franz von Assisi das leben konnten und heute noch leben.

Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig singen wir zu Himmelfahrt ganz gern, aber hier, auf Golgatha, nur das Nichts. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? ruft der Sterbende betend am Kreuz. Und  hängt sich so an den, der ihn hängen lässt zwischen Himmel und Erde.

Die Kreuzigung ist ein Geschehen der totalen Verlassenheit. Jesu Jünger sind nicht in der Nähe, seine Mitbürger verspottet ihn, lediglich ein paar Frauen beobachten das Geschehen aus der Ferne.

Das Kreuz der Römer, aufgerichtet von den Herren der Welt. Ob sie nun  Pilatus oder Herodes heißen, Hitler oder Stalin, Assad oder was weiß ich, wie sie bis heute heißen. Ihre Kreuze ist sind Symbol der Diesseitigkeit. Das Symbol der schrecklichen Wirklichkeit unserer Welt.

Das Kreuz auf Golgatha, es ist Sinnbild unserer blutigen Wirklichkeit. Was wir ggf. herabspielen, nicht mehr wahrnehmen, vielleicht auch erschüttert oder gleichgültig zur Tagesordnung übergehend, das hat er erlitten. Warum nur? Er hätte doch sicher Chancen der Vermeidung gehabt. Er hätte sich sicher seinem Schicksal in Jerusalem entziehen können. Warum hat er das nicht getan?

Als Theologe könnte ich mit fixen Worten verkündigen, dass Jesus sich freiwillig hingegeben hat. Aus Liebe zu den Menschen. Im Gehorsam gegenüber Gott. Und als Gemeinde sind wir gewohnt, dies in Liedern zu besingen. Aber trifft es das Geschehen auf Golgatha?

Sein Ziel, wie wir heute zu sagen pflegen, 
sein Ziel war, einem jeden von uns zu sagen: Das Leben, das du hast, ist ein Geschenk Gottes an dich. Es ist ein kostbares Geschenk, das du nutzen darfst. Angstfrei sollst du glücklich werden. In Dankbarkeit sollt du Güte lernen und Güte leben.

Alles, was wir über sein Leben wissen, illustriert uns diese Botschaft. Deshalb ist es für uns so wichtig, diese Jesus-Geschichten und Jesus-Worte immer wieder zu hören, zu lesen, zu buchstabieren. Im Gottesdienst, im Unterricht, bei der eigenen Bibellektüre. Sie um Himmels willen ja nicht zu vergessen.

All diese Geschichten zeigen uns einen Jesus, der weit weg ist von Qual und Quälen. Der weit weg ist von Gewalt und Sadismus.

In all seinen Geschichten versichert er uns immer wieder: Du hast es nicht nötig, vor irgend etwas in der Welt eine solche Angst zu entwickeln, dass du dein eigenes Wesen, das Werk Gottes, verbiegen oder verlügen müsstest. Du hast es nicht nötig, dir und deinem Gott untreu zu werden.

Habe Vertrauen in diese Grundlage deines Lebens. Dann kannst du das, was dich beengt, quält, verbiegt, was dich belastet und niederdrückt – das kannst du dann verlassen und dich der Weitherzigkeit deines Lebens hingeben. Gott ist dabei – Gott ist bei dir!

Er redete nicht nur davon, er lebte es auch vor. Und eckte damit an. Denn solche Freiheit, solche Unbefangenheit, solcher Mut entgegen allen Konventionen und entgegen allen bisher als gut empfundenen Regelungen – das alles ertrug man damals nicht und ertragen wir letztlich auch heute nicht.

Seinem Vertrauen in Gott entsprach ein zu großes Vertrauen in seine Mitmenschen. Die Ordnung der Welt durcheinander zu bringen, das war damals gefährlich und ist noch heute gefährlich. Das kann zum Tode führen.

Deshalb, liebe Gemeinde, ist das Kreuz kein Zeichen der Ehre. Deshalb ist das Kreuz auch kein Zeichen der Verehrung. Das Kreuz ist vielmehr ein Zeichen der Zusammenballung des Gegenmenschlichen und des Gegengöttlichen. Und wenn wir am Karfreitag, heute also, etwas zu gedenken haben, dann doch einzig und allein, wie wir das Kreuz in aller Zukunft vermeiden, abschaffen, beseitigen, ja unnötig machen können in jeder Form seiner Erscheinung.

Darum, und nur darum gehört das Kreuz für mich in jedes christliche Gotteshaus. Nicht als Denkmal, sondern als Mahnmal. Als permanente Mahnung, es ernst zu machen mit der Abschaffung der Kreuze auf unserer Welt.

Einmal, so hoffen wir, einmal kommt die Zeit, wo wir kein Kreuz mehr brauchen in unseren Kirchen, weil es keine Kreuze mehr auf Erden gibt. Ob es dazu kommt, das liegt auch an uns.

Denn auch unter uns heutigen gibt es Pilatusse, die nicht töten wollen, aber meinen, töten zu müssen. Das als Kollateralschaden ansehen. Wo gehobelt wird fallen halt Späne, heißt es. Die Holzspäne am Fuß der drei Gestalten in der Apsis könnten als Zeichen dafür gedeutet werden, dass nicht nur die drei auf Golgatha für nicht wert erachtet wurden.

Denn auch unter uns heutigen gibt es Kaiphasse, die nichts direkt gegen diese oder jene haben, aber dennoch meinen, sie nicht länger aushalten zu müssen.

Denn auch unter uns heutigen gibt es Handlanger der da oben, die meinen, sie bekämen schon die richtigen Anweisungen.

Denn auch unter uns heutigen gibt es bestallte und selbst ernannte Richter, die die Wahrheit nach ihrem Gutdünken beugen.

Aber, und das ist mir besonders wichtig:
Aber auch unter uns heutigen gibt es Menschen von der Güte jener Unbekannten, die Jesus mit kostbarem Öl salbte.

Auch unter uns heutigen gibt es Menschen von der Art des Josef von Arimathia, der sich schließlich doch entschloss, anders als die herrschende Meinung zu handeln. Der dafür sorgte, dass Jesus nicht wie ein Verbrecher verscharrt, sondern in Würde beerdigt wurde.

Auch unter uns heutigen gibt es Menschen von der Qualität der Frauen, die Jesus in seiner letzten Stunde ebenso wenig allein lassen wollten wie zu seinen Lebzeiten. Die sich so nahe wie möglich ans Kreuz heranwagten.

Auch unter uns heutigen gibt es Menschen wie die Frau des Pilatus, die ihrem Traum vertraute und ihren Mann warnte, Jesus zu verurteilen und zu töten.

Doch wo in unserer pragmatischen Welt hört man schon auf Träume? Und wie viel eigene Träume muss man getötet haben, um über Leichen gehen zu können? Um über das hinweg zu gehen, was Menschen in ihrem Innersten bewegt?

Wenn wir Menschen wie die Frauen aus dem Umkreis Jesu nicht mehr zum Schweigen brächten,

wenn wir unsere Träume nicht mehr töten, sondern leben würden,

wenn wir uns selbst und andere im Sinne Jesu wahrnehmen würden,


dann, liebe Gemeinde,
dann bliebe Karfreitag, dann bliebe das Kreuz nicht unser Schicksal.

Deshalb verbeugen wir uns zwar nicht vor dem Schandpfahl des Kreuzes, wohl aber vor dem Gekreuzigten. Vor dem, der uns unsere Lebensmöglichkeiten vorlebte. Bis zu seinem Tod, auf dass wir seinem Beispiel folgen und leben können.

Amen.




Pfarrer i. R. Falk Neefken