Montag, 1. April 2013

Gudrun Junker










Gudrun Junker – Toleranzbilder
Digital Art/ Fotografie
7.4. – 5.5.2013

Vernissage: Sonntag, 7.4.2013 um 11.15 Uhr
mit einer Einführung von Dagmar Kühn-Wienstroer

Die Evangelische Kirche in Deutschland/ EKD hat das Jahr 2013 zum „Themenjahr: Toleranz“ ernannt; wir zeigen eine Ausstellung, die in diesen thematischen Rahmen passt.
Gudrun Junker – sie ist gebürtige Duisburgerin, lebt und arbeitet lange in Meerbusch-Lank – kennt man hauptsächlich von den „Kunst aus Meerbusch“-Ausstellungen in der Teloy-Mühle, wo ihre experimentellen Digitalfoto-Collagen oft auffielen: Mit schönen, farbfreudigen Strukturen, bisweilen aber auch mit ironischen und karikierenden Verfremdungen, die manchmal auch Pfeile in die politische Richtung abfeuern. Für mich war die geplante Ausstellung zum Thema „Toleranz“ in der Osterather Apsis ein willkommener Anlass, Gudrun Junker einzuladen, d. h. zu bitten, einige Fotoarbeiten zum Thema anzufertigen. Dass es eine Ausstellung würde, die keine „Gebrauchsanleitung“ liefert, war von Anfang an klar; aber dass die Ausstellung schon für Diskussionen sorgte, ehe sie installiert war, beeindruckte schon ziemlich.
Die Künstlerin sticht ganz bewusst in ein Wespennest und setzt einen ganzen Schwarm Fragen frei – mit denen wir nun zurechtkommen müssen. Denn definitive Antworten werden wir nicht finden. Trotzdem sind wir gefordert, immer wieder neu zu denken. Toleranz, die Duldung, von der Goethe sagt „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen“ – was müssen wir dulden, was dürfen wir dulden, was dürfen wir nicht dulden? Was gehört in den privaten Bereich (und geht niemanden etwas an), ab wann wird es politisch? Wo genau ist hier Religion, Religionsausübung anzusiedeln? Gudrun Junker ging aus vom Toleranzedikt Friedrichs des Großen – „Die Religionen müssen alle toleriert werden […], daher muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden“. Worin, heutzutage, auch die Nicht-Religionszugehörigkeit inbegriffen ist. Das Kreuz, das christliche Symbol, zeigt Junker einerseits als (Grund-)Mauer, andererseits „verwirbelt“, verwischt, verformt – von welchen Einflüssen auch immer – zwischen den (Symbolen der) anderen großen Religionen, die sich stellenweise strenger präsentieren mögen, vielleicht konsequenter, aber dann eben auch weniger tolerant. Das Kreuz, das mit Rücksicht auf Nichtchristen immer mal wieder „abgehängt“ werden soll. Wird es sich in Zukunft behaupten können? Und: Wollen wir eigentlich – „überhaupt“ – , dass es sich behauptet? Oder ist es uns in Wirklichkeit ziemlich egal? Oder wäre es denkbar, dass die Weltreligionen nach und nach miteinander verschmelzen, indem sie sich tolerant begegnen und auf das Wesentliche und Gemeinsame besinnen?
Wie ist das unkritische Übernehmen strikter religiöser Regeln aufzufassen? Sind wir, indem wir abwägend und tolerant sind, vielleicht schon nicht mehr fähig, Position zu beziehen? Das Thema „Beschneidung“ hat gerade in den letzten Monaten für viel Diskussionsstoff gesorgt. Gudrun Junker greift es auf, sie hat ein Schaufenster mit Festtagskleidung für diesen Anlass fotografiert und verfremdet. Dulden oder achten wir sogar diese religiösen Gepflogenheiten oder ist die Unversehrtheit eines Menschen, im Besonderen die eines Kindes ein höheres Gut? Wie sieht es mit dem noch zarten Pflänzchen der Gleichberechtigung der Frau aus, das wir hegen und pflegen wollen, dem konservative Tendenzen, auch christliche, nicht gut tun können? Ist das der Grund, weshalb wir muslimische Kopftücher anders bewerten als andere Kopfbedeckungen – oder geht hier die Intoleranz mit uns durch? Gudrun Junker machte (eigens für ihr Fotoprojekt) einen Ausflug nach Duisburg-Marxloh, dem Stadtteil, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte und in dem heute – so Wikipedia – die „türkeistämmige Bevölkerungsgruppe einen prägenden Bevölkerungsteil darstellt“. Sie fotografierte die aktuellen Straßenbilder, die sich durch Ansiedlung türkischer Geschäfte deutlich verändert haben, aber auch gekennzeichnet sind durch tolerantes Miteinander von – im verschiedenen Sinne – alt und neu, traditionell und modern. Besonders fiel ihr der Widerspruch zwischen den meist verhüllt gekleideten Frauen einerseits, den ungezählten Läden mit orientalischen Abendkleidern andererseits ins Auge.
„Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer“ – die Künstlerin bezieht sich hier auf Ausführungen der UNESCO-Kommission zum Thema. Und auch da sind sie wieder, die Fragen.
Da die Ausstellung in einer Kirche stattfindet, verweise ich auf das Pauluswort „Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit“ (2. Korinther 3,17) – das könnte ja zumindest eine Antwort auf die vielen Fragen sein; in dem Sinne, dass Religion dem Menschen tatsächlich Freiheit geben soll. Wenn sie das nicht kann, sollte man vielleicht doch nachhaken, warum nicht.


Marlies Blauth


Fotos: Gudrun Junker




Gudrun Junker





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