Mittwoch, 4. Februar 2015

Predigt über Matthäus 20 | Die Arbeiter im Weinberg












Frank Merks: Installation



Anatol Herzfeld: Selbstbildnis mit Kreuz



Anatol Herzfeld: Das Leiden. Malerei auf Holz





Predigt über Matthäus 20, Die Arbeiter im Weinberg, anlässlich der Ausstellungseröffnung
Arbeitszeit – Wir tragen das Kreuz in die Kirche –


gehalten am 1. Februar 2015






Liebe Gemeinde!

Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg.
Auf dem Weg nach Jerusalem.
Auf dem Weg, sein Kreuz zu tragen.
Und die, die mit ihm auf dem Weg sind, haben viele Fragen.

Ein junger Mann fragt ihn: "Lehrer, was muss ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben bekomme?"
Jesus antwortete ihm: "Warum fragst du mich, was gut ist? Gut ist nur einer!“
Die Gebote hat der junge Mann alle gehalten, so erklärt er Jesus. Darauf sagt Jesus:
"Wenn du vollkommen sein willst, geh los, verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen. So wirst du unverlierbaren Reichtum im Himmel haben. Dann komm und folge mir!"
Da sagte Petrus zu ihm: "Sieh doch: Wir haben alles zurückgelassen und sind dir gefolgt.
Was werden wir dafür bekommen?"
„Jeder, der etwas zurückgelassen hat – um zu mir zu gehören, wird es hundertfach neu bekommen. Und dazu bekommt er noch das ewige Leben als Erbe geschenkt.
Viele, die jetzt bei den Ersten sind, werden dann die Letzten sein. Und viele, die jetzt bei den Letzten sind, werden dann die Ersten sein."

Und dann fährt er fort – auf dem Weg nach Jerusalem – und erzählt denen, die mit ihm gehen, ein Gleichnis.
Wir hören – als Predigttext für den Sonntag heute – aus Matthäus 20. Ich lese aus der Basisbibel.

Jesus fuhr fort:
"Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los,
um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag.
Dann schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden. Er sagte zu ihnen: 'Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.' Die Männer gingen hin.
Später, um die sechste Stunde, und dann nochmal um die neunte Stunde, machte der Mann noch einmal das Gleiche. Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden. Er fragte sie: 'Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?' Sie antworteten ihm: 'Weil uns niemand eingestellt hat!'
Da sagte er zu ihnen: 'Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!'
Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: 'Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.'
Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück.
Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten. Sie dachten: 'Bestimmt werden wir mehr bekommen!' Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück. Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: 'Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!'
Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: 'Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder sehen deine Augen neidisch, weil ich so großzügig bin?
So werden die Letzten die Ersten
und die Ersten die Letzten sein.'"

Liebe Gemeinde!

Um Arbeitszeit geht es in diesem Gleichnis. Wenig und viel Zeit, arbeiten zu müssen oder auch: Arbeit zu finden, arbeiten zu dürfen. Und um den Wert der Arbeit. Und die Frage, woran wir den eigentlich messen.

Ja letztlich geht es auch um die Frage an uns, wie und worauf wir eigentlich sehen, wenn wir und andere arbeiten, wenn wir für andere arbeiten, wenn andere für uns arbeiten.
Ein spannendes Gleichnis, finde ich. Ja – ein provozierendes Gleichnis.

Auf jeden Fall hören und empfinden es Menschen immer wieder als Provokation. Als eine Provokation, der man widersprechen muss. Oder die man mindestens erklären muss, damit dieser gute Weinbergbesitzer nicht mehr so provozierend erscheint.
Der Widerspruch gegen unsere Geschichte kann ganz verschieden ausfallen, je nachdem, mit wem Menschen sich identifizieren.
Der Sprecher der Vereinigung der Tagelöhner, der Gewerkschaftssekretär, wird vermutlich sagen: „Erst einmal will ich festhalten: Selbstverständlich gönnt unsere Vereinigung auch den letzten Arbeitern ihren Verdienst. Aber unsere Aufgabe muss es vor allem sein, für eine gerechte Entlohnung unserer Mitglieder zu sorgen. Sie sind es doch, die von morgens bis abends hart arbeiten und die Wirtschaft in Schwung halten.  Und wo wir hinkommen, wenn das Gefüge von Lohn und Leistung so auf den Kopf gestellt wird, wissen wir doch alle: Zur willkürlichen Ausnutzung unserer Arbeitskraft durch die Arbeitgeber.
Ich kann nur sagen: Wehret den Anfängen.
Auch wenn ein direkter Bruch des geltenden Tarifrechts nicht vorliegt, da ja die Vereinbarungen mit den ersten Arbeitnehmern eingehalten wurde. Aber nach dem
Grundsatz von Treu und Glauben und vor allem nach den Prinzipien eines gerechten
Tarifgefüges wäre für die, die so viel länger und härter gearbeitet haben, in diesem Fall zumindest eine außertarifliche Zulage nur recht und billig gewesen.

Der Sprecher der Vereinigung der Weinbergbesitzer wird wohl sagen: Wir können und wollen ja in unserem freien Wirtschaftssystem keinem Kollegen vorschreiben, wie er seinen Betrieb zu führen hat. Und wir sind auch nicht voll über seine Motive und über alle Einzelheiten dieser Aktion im Bilde. Aber alles was Recht ist, eins erscheint uns sicher: Oft wird er das nicht machen können, sonst muss er mit seinem Unternehmen  bald Konkurs anmelden. Darüberhinaus gibt diese ganze, leidige Geschichte leider ein falsches Signal, das misslicherweise einige radikale Kräfte der Arbeitnehmer versuchen könnten als Präzedenzfall aufzubauschen.

Der wissenschaftliche Berater für Wachstumsfragen im Wirtschaftsministerium wird vermutlich sagen: Ein interessanter Fall unternehmerischer Initiative in der sozialen Marktwirtschaft ist das schon. Aber gänzlich ungeeignet, um als Modell für unsere florierende, auf Wachstum angewiesene Wirtschaft zu fungieren. Wir haben doch gerade in den Ländern des Ostblocks erst wieder erlebt, was geschieht, wenn durch nicht leistungsgerechte Entlohnung ganze Volkswirtschaften sich selbst das Wasser abgraben.  In der freien Wirtschaft kann doch letztlich nur der Gewinn zählen, und Gewinn braucht  leistungswillige Mitarbeiter, und leistungsfähige Mitarbeiter brauchen eine leistungsgerechte Entlohnung.

Was die verschiedenen Vertreter unseres Wirtschaftslebens da in wohlgesetzten Worten sagen zu unserer Geschichte, das würden die meisten von uns wohl auch gut verstehen und nachvollziehen können.
Was würdet ihr Konfirmanden etwa denken, wenn es am Ende des Schuljahres für alle einfach eine 1 auf dem Zeugnis geben würde – egal, was und wieviel die Einzelnen das Jahr über gearbeitet haben.
Da könnte man sich wirklich schon ärgern. Jedenfalls die meisten.

Der arbeitslose Vater von vier Kindern wird vermutlich als einziger nicht sogleich Bedenken anmelden, nicht murren und nicht protestieren, sondern sich wünschen, dass ihm so etwas auch passiert. Dass einer von denen, die sagen: „Ja, warum arbeitet der denn nicht? Was steht er auch den ganzen Tag müßig herum? Bei uns braucht doch keiner arbeitslos zu sein; man muß doch nur wollen, dann findet man Arbeit“ – dass einer von denen ihm dann auch wirklich Arbeit anbietet und einen Lohn, mit dem er seine Familie über die Runden bringen kann. Auf so einen möchte er gerne einmal treffen. Aber leider: Ihm ist das jedenfalls noch nicht passiert.
Die Welt ist offensichtlich anders.

Ja – unsere Welt ist anders als dieses Gleichnis. Aber unser Gott handelt mit uns anders, als wir das nach unseren Maßstäben oft erwarten.
Darf der Weinbergbesitzer denn einfach so handeln?
Darf Gott einfach so handeln?

Andere Menschen durch die Jahrhunderte haben versucht mit Erklärungen die Provokation dieses Gleichnisses kleiner zu machen.
Eine solche – wirtschaftlich scheinbar plausible Erklärung lautet zum Beispiel:

Bestimmt haben die letzten Arbeiter in der kurzen Zeit, wo es nicht mehr so heiß war, genauso viel Leistung gebracht wie die anderen in der langen Zeit der Tageshitze, also dem Weinbergbesitzer genauso viel Gewinn gebracht.
Eine andere Erklärung ist: Vermutlich waren die, die so kurz gearbeitet haben,
irgendwie gehandicapt und mussten sich darum genauso anstrengen wie die anderen, denen das leichter fiel. Also wurde ihre gleiche Anstrengung gleich bezahlt.
Oder der Druck der Wetterbedingungen war für den Weinbergbesitzer so groß, dass er am Ende besonders dringend noch Arbeiter braucht, weil Regen oder Nachtfrost noch so viel von seiner Ernte bedroht, dass wirtschaftlicher Schaden droht.
Schließlich gibt es auch so etwas wie eine sozialpolitische Erklärung. Danach war ein Silberstück damals so etwas wie der übliche Mindestlohn für einen Tag. Die Summe, die nötig war zur Deckung des Existenzminimums.

Aber von all dem steht ja in Jesu Gleichnis nichts. Wir wissen nicht, ob die Arbeiter ernten oder im Frühjahr mit Schnittarbeiten beschäftigt sind. Von unterschiedlicher Leistung oder Anstrengung ist auch nirgends die Rede.
Und vermutlich war zur Zeit Jesu schon für die ersten Arbeiter das vereinbarte Silberstück ein unüblich hoher Lohn, eher ein Wochenlohn als ein Tageslohn.

Vor allem aber: all diese Erklärungen nehmen dem Gleichnis Jesu nur die Spitze.
Und auf der Suche nach der eigenen Gerechtigkeit und ihren Maßstäben werden sie ihm letztlich nicht gerecht. Weil – wer so wegerklärt – nicht sehen oder wahrhaben will, dass am Ende wir selbst es sind, die gefragt sind:
Warum bist du neidisch. Warum kannst Du mich nicht so gütig handeln lassen?
Warum sieht dein Auge die Dinge so?
Wörtlich heißt die Frage im Griechischen eigentlich sogar: Warum sieht dein Auge böse, weil ich gut bin? Und die Frage in dem Gleichnis ist wohl zugleich eine Frage Jesu an die, die ihm folgen und sich doch schwertun, seinen Weg nach Jerusalem ans Kreuz zu verstehen.

Jesus ist auf dem Weg.
Menschen kommen zu ihm und stellen ihm Fragen.
Und Matthäus erzählt diesen Weg so, dass Menschen diesen Weg der Gerechtigkeit, der bis ans Kreuz geht, aber nicht am Kreuz endet, wirklich aufmerksam wahrnehmen, auch da, wo er unsere gängigen Erwartungen durchkreuzt.

Es ist kein Zufall, dass Jesus diese Geschichte rahmt mit dem Wort:
So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

Eine ähnliche Umkehr haben wir zu dem, was der Weg zum Kreuz bedeutet, schon zu Beginn mit der Liedstrophe gesungen:
So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen.
Das Ja erscheint im Nein,
der Sieg im Unterliegen, der Segen im Versiegen,
die Liebe will verborgen sein.

Auf seine ganz eigene künstlerische Weise nimmt auch das Triptychon ‚Das Leiden‘ von Anatol hier hinter der Kanzel diese Umkehrungen für mich auf.
Wenn der Künstler der linken, blutrot gerahmten, festgeformten Figur den Titel gibt ‚JA‘
und der rechten, zusammengesetzten, ja vielleicht zusammengestückelten, aber zugleich hoffnungsgrün gerahmten Titel ‚NEIN‘.

Wir müssen mehrfach hinsehen, genau hinsehen, nachfragen und nachspüren und unsere Erwartungen und Maßstäbe immer wieder hinterfragen lassen.
Dazu kann uns die Kunst immer neu anregen.
Dazu will uns vor allem auch Jesu Gleichnis heute anregen.

Um Arbeitszeit geht es in diesem Gleichnis.
Um den Wert der Arbeit.
Um unseren Wert als Menschen.
Und woran wir ihn eigentlich messen.
Ein Gleichnis dafür, wie es im Himmelreich ist.
Wie Gott den Wert von jedem von uns misst. Nicht, weil wir dafür viel oder wenig geleistet hätten. Sondern weil ER gut ist .

Das will Jesus uns und allen mit seinem Gleichnis neu vor Augen führen:

ER ist gut und meint es darum gut mit uns – der Schöpfer, der uns das Leben schenkt,
lange bevor wir irgendetwas verdient hätten.

ER ist gut und meint es darum gut mit uns: Der Erlöser, der uns mit seinem ganzen Leben liebt und unser Leiden mit an sein Kreuz nimmt.

ER ist gut und meint es darum gut mit uns: Der Geist, der uns täglich Kraft schenken will, an der Seite Jesu den Weg der Gerechtigkeit Gottes mit zu gehen.

Amen.




Pfarrer Gerhard Saß















Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen